Atemnot (Souffle court)

Marina Skalova hat die Gedichte für „Atemnot (Souffle court)“ auf Deutsch und Französisch verfasst. Im Raum zwischen den Sprachen spürt der Leser das Zögern und die Schwierigkeiten des Schreibens. Dieses Spiegelspiel sensibilisiert für das Flackern der Poesie.

Prix de la Vocation 2016

Cheyne Éditeur
Erscheinungsdatum: 07.11.2016
14.5 × 0.8 × 19.5 cm | 64 Seiten
ISBN 978-2-84116-232-1

»worte kaschieren das übel
unter ihrem silbenteppich

der staub unterm bett
macht die wurzeln fusselig

abwesenheit ist nichts
als graues geknäuel«

//

« les mots cachent la misère
sous leur tapis de syllabes

la poussière sous le lit
fait pelucher l'abcès

l'absence n'est que pelotes grises »

Pressestimmen

»Es ist dieser Lufthunger, dieser Hunger nach mehr Luft, der alle Gedichte von Marina Skalova grundiert. Es sind radikal verknappte, dem vollständigen Verstummen abgerungene, eindringliche Verse. Immer wieder kreisen die drei bis siebenzeiligen Gedichte um die Vergänglichkeit der Kindheit und der mit ihr eingehende Verlust der Geborgenheit, um die Bewusstwerdung der Verletzlichkeit des eigenen, uns selber immer wieder abhandenkommenden, enteigneten Körper, um ein existenzielles Ausgesetztsein in einer uns entfremdeten Welt.

Und dennoch, was uns vielleicht doch so etwas wie Hoffnung gibt, was uns Atem schöpfen lässt, in dieser atemlosen, heillosen Welt, ist das poetische Sprechen, wie es Marina Skalova praktiziert. Mit zwei Lungenflügeln. In einem Flügel zirkuliert „Luft“, im anderen „air“.Und dort, wo diese beiden Luftsprachen aufeinandertreffen, sich mischen, sich gegenseitig anreichern und hinaufsteigen, die Luftröhre hoch, hinauf bis dort, wo sie das Zungenbein anstossen und den Mundraum zum Sprechen, zum Singen bringen, erlauschen wir den Eigensinn und somit die Lebendigkeit der jeweiligen Sprache umso intensiver. Und diese Lebendigkeit reanimiert auch uns, kann auch für uns zu einer Art Rettung werden, einer Rettung die sich immer aus dem l’entre-deux, dem Dazwischen der Sprachen und aus dem Dazwischen der Poesie, der Poesien nährt.«
Rolf Hermann – Laudatio, vorgelesen beim LeseLenz Festival

»In 3-7-zeiligen Gedichten setzt Marina Skalova kurze Blitzlichter, die eine Beobachtung festhalten, einen Vergleich stimulieren, einen Prozess verdichten. Sprache, Körper, Beziehungen sind ihre Themen. Sie verlässt sich dabei ganz auf äusserste Kürze und poetische Prägnanz, damit die Spannung sich im Zwischenraum der beiden Varianten entfaltet. Die Sprache erweist sich dabei als ebenso biegsam wie unzuverlässig. Doch mehr noch: Die Autorin treibt damit ihre absichtlichen Spiele. Zugleich befreit der poetische Eigensinn die Sprache aus dem Korsett der Übersetzung. Wortbedeutung und Versrhythmus geraten aneinander, Bilder wehren sich gegen eine Übertragung. So entstehen minimale Abweichungen, in denen die unterschiedlichen Sprachen Anspruch auf Eigenleben erheben: rhythmisch, begrifflich, metaphorisch.«
Viceversa Literatur, Beat Mazenauer

Video-Kritik von Florian Bissig

»Ein Gedichtband, so ergreifend wie eine kleine Offenbarung. Mit ‚Atemnot (Souffle court)‘ das 2016 bei Cheyne erschienen und mit dem Prix de la vocation ausgezeichnet wurde, debütiert Marina Skalova als Lyrikerin und verbreitet eine kalte, trockene, brüchige Luft. Und doch entwickelt ihre fragmentarische Lyrik allmählich ein eigenes Territorium, das kaum bewohnbar ist, wo es sich gerade noch atmen lässt.«
Antonio Rodriguez – Poésie romande
Zum Artikel

»Der Übergang von einer Sprache in die andere, der streng genommen keine Übersetzung ist, sondern ein subtiles Spiel mit Variationen, bringt Gewissheiten ins Wanken. Es scheint, dass sich ‚etwas entzieht und fehlt‘. […] Doch obwohl alles von vornherein verloren scheint, obwohl sich eine verwüstete Landschaft wie jene des Künstlers Anselm Kiefer offenbart, atmet jemand auf und jemand sagt: Trotz allem existiere ich und ich spreche. Und in den Verschiebungen, die durch jene Variationen entstehen, die Marina Skalova auf so subtile Weise durchdekliniert, dass der Leser auf eine leichtere Luft trifft, kann man es für möglich halten, sein Leben an diese Worte über das Nichts zu binden.«
Françoise Delorme – Friches

»‚Atemnot (Souffle court)‘ ist sicherlich ein Buch über die Schwächen und Schönheit der Übersetzung. Die zwei Sprachen sind hier ein bisschen auch die andere, sie versorgen einander mit Blut, pumpen es einander zu, das Gedicht macht sie miteinander kompatibel, es ist das schlagende Herz der ‚translingualen Imagination‘, die Steven Kellman beschrieben hat. […] Das Französische ‚le souffle court‘ – beschreibt es einen Atem, der kurz ist, oder einen, der rast? Marina Skalova flüstert uns ins Ohr, sie spricht von der Schönheit eines Moments hier, einer Bewegung dort: jene von Körpern in einem Atemstillstand der Liebe, in einer Verlockung der Worte oder auf geografischen Irrgängen.«
Félix de Montety – Recours au poème
Zum Artikel